Teilen Sie diesen Artikel!

Von Veröffentlicht am: 3. Juli 2021Kategorien: Nonverbal Dictionary0 Kommentare

Sie gehen im Park spazieren und sehen, wie eine Person vor Ihnen die Verpackung eines Schokoriegels auf den Weg fallen lässt und unbekümmert weitergeht. Wenn diese Person sich nun zu Ihnen umdreht, könnte sie wahrscheinlich das Hochziehen der Oberlippe bei Ihnen erkennen.

Was das Hochziehen der Oberlippe bedeuten kann

Genau wie das Rümpfen der Nase, ist das Hochziehen der Oberlippe ein Zeichen für die Emotion Ekel. Nun werden Sie sich wahrscheinlich eher weniger vor einer leeren Verpackung ekeln, und dennoch zeigen Sie in der Beispielsituation dieses Signal. Wieso? Hierbei ist es wichtig zu beachten, worauf sich der Ekel bezieht. Denn wir unterscheiden zwei Arten von Ekel. Während sich das Naserümpfen eher auf etwas Physisches bezieht (wie zum Beispiel bei verschimmelten Nahrungsmitteln), steht das Hochziehen der Oberlippe eher für psychischen oder moralischen Ekel. Wir lehnen also das Verhalten oder die Einstellung einer Person ab.

Das Hochziehen der Oberlippe gehört aufgrund der signalisierten Ablehnung auch zu den sieben mimischen Einwandsignalen und ist, wie viele weitere Signale und Wissenswertes rund um Körpersprache, in der Mimikresonanz®-Profibox unter den Signalen von Mund und Kinn zu finden (F3.2). Tritt es auf, während Ihnen jemand zuhört, kann es aussagen, dass Ihr Gegenüber skeptisch und abgeneigt ist oder Zweifel hat. In anderen Kontexten kann es aber auch weitere Bedeutungen haben:

  • Einseitiges Hochziehen der Oberlippe: Zeichen für die Mischemotion Ekel-Verachtung
  • sexuelles Verlangen (beid- und einseitig), vor allem in Kombination mit weiteren Signalen wie z.B. einem „Abscannen“ des Körpers mit den Augen
  • Schmerz: Es ist eine der bei Schmerz am häufigsten gezeigten Bewegungen und gehört damit zu den Core-Movements von Schmerz.
  • „Killersignal“ in einer Beziehung (beid- und einseitig), wenn es als Muster auftritt: Studien zufolge lässt sich z.B. durch wiederholtes Auftreten dieses Signals eine Scheidung vorhersagen.

So erkennen Sie das Hochziehen der Oberlippe:

Anhand dieser Merkmale erkennen Sie, ob es sich um das Hochziehen der Oberlippe handelt:

  • die Oberlippe wird nach oben gezogen
  • die Oberlippe weist eine abgewinkelte Krümmung auf
  • das Infraorbitaldreieck schiebt sich nach oben
  • die Nasolabialfalte vertieft sich
  • die Nasenflügel weiten sich und werden angehoben
  • kann sich einseitig oder beidseitig zeigen

Hochziehen der Oberlippe als innerliche und äußerliche Abweisung

Ziehen wir die Oberlippe hoch, wirken wir auf andere Menschen abweisend. Laut Studien ist die Mimik von Ekel sogar der unattraktivste Gesichtsausdruck. Das beschreibt auch der Mediziner Eric Finzi sehr aufschlussreich anhand der Erfahrungen seiner Bekannten Claire. Sie hatte genug davon, ständig von Männern in Cafés angesprochen zu werden und tat es den jungen Pariserinnen gleich, die sie beobachtet hatte: Sie schaute leicht angewidert. Und siehe da, fast niemand sprach sie mehr an. Wollen Sie also jemanden mimisch abwimmeln, versuchen Sie es mal mit dem Hochziehen der Oberlippe.

Sowohl Ekel als auch Verachtung sind Emotionen, die Distanz zu anderen schaffen: Ekel auf der horizontalen Ebene (wir gehen einen Schritt zurück), Verachtung auf der vertikalen Ebene (wir blicken von oben herab). Beide Emotionen hemmen durch die emotionale Distanzierung das Einfühlungsvermögen. Empfinden wir daher Ekel oder Verachtung gegenüber einer Person, oder wie beim einseitigen Hochziehen der Oberlippe eine Mischform der beiden, sinkt die Aktivität in den für Empathie zuständigen Hirnbereichen.

Das ist natürlich ein Nachteil in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Der Vorteil besteht jedoch darin, dass Ekel uns die Emotionskompetenz schenkt, psycho-physische Reinheit sicherzustellen. Ekel hilft uns also auch, uns von äußeren Einflüssen abzugrenzen und mehr bei unserer aktuellen Meinung zu bleiben.

Quellen

Decety, J., Echols, S., & Correll, J. (2010). The blame game: the effect of responsibility and social stigma on empathy for pain. Journal Of Cognitive Neuroscience, 22(5), 985-997.

Druschel, B. a., & Sherman, M. F. (1999). Disgust sensitivity as a function of the Big Five and gender. Personality and Individual Differences, 26(4), 739-748.

Eilert, D. W. (2015). Der Liebes-Code: Wie Sie Mimik entschlüsseln und Ihren Traumpartner finden. Berlin: Ullstein.

Fernández-Dols, J.-M., Carrera, P., & Crivelli, C. (2010). Facial Behavior While Experiencing Sexual Excitement. Journal of Nonverbal Behavior, 35(1), 63-71.

Gottman, J. M., Levenson, R., & Woodin, E. (2001). Facial expressions during marital conflict. Journal of Family Communication, 1(1), 37-57.

Gottman, J. M., & Levenson, R. W. (1992). Marital processes predictive of later dissolution: behavior, physiology, and health. Journal of Personality and Social Psychology, 63(2), 221.

Harris, & Fiske, S. (2009). Social neuroscience evidence for dehumanised perception. European Review of Social Psychology, 20(1), 192-231.

Henke, K. B. (2004). Der Gesichtsausdruck bei Schmerz – eine EMG-Studie. (Doctoral). Universität Hamburg,

Izard, C. E. (1971). The face of emotion. East Norwalk, CT, US: Appleton-Century-Crofts.

Morrison, E. R., Morris, P. H., & Bard, K. A. (2013). The Stability of Facial Attractiveness: Is It What You’ve Got or What You Do with It? Journal of Nonverbal Behavior, 37(2), 59-67.

Prkachin, K. M., & Solomon, P. E. (2008). The structure, reliability and validity of pain expression: evidence from patients with shoulder pain. Pain, 139(2), 267-274.

Rozin, P., Lowery, L., & Ebert, R. (1994). Varieties of disgust faces and the structure of disgust. Journal of Personality and Social Psychology, 66(5), 870-881. Retrieved from http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&db=mdc&AN=8014832&site=ehost-live

Singer, T., Seymour, B., O’Doherty, J. P., Stephan, K. E., Dolan, R. J., & Frith, C. D. (2006). Empathic neural responses are modulated by the perceived fairness of others. Nature, 439(7075), 466-469.

Teilen Sie diesen Artikel!

Über den Autor: Dirk W. Eilert

Dirk W. Eilert, Jahrgang 1976, ist Experte für emotionale Intelligenz und Entwickler der Mimikresonanz®-Methode sowie des emTrace®-Coachingansatzes. Als einer der führenden Mimik- und Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum ist seine Expertise regelmäßig in Radio, TV und Printmedien gefragt. Dirk W. Eilert ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in Berlin und leitet dort seit 2001 die Eilert-Akademie.

Hinterlassen Sie einen Kommentar